Eine Krise der Infrastruktur und der Verteilungsgerechtigkeit
Der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) in Deutschland steht an einem kritischen Punkt. Er ist nicht nur ein Mobilitätsangebot, sondern ein zentrales Versprechen des Gemeinwesens auf Teilhabe und Klimaschutz. Die aktuellen Entwicklungen, wie sie unter anderem im Zuge der Berichterstattung über die Fahrgastzahlen sichtbar werden, zeigen jedoch, dass dieses Versprechen zunehmend brüchig wird. Die Gründe für die Stagnation und den teilweisen Rückgang der Fahrgastzahlen sind vielschichtig und reichen von akuten Infrastrukturmängeln über eine schiefgelaufene Verkehrswende bis hin zu tiefgreifenden Problemen der sozialen Ungleichheit.
Die Faktenlage: Stagnation trotz Revolution
Die Einführung des Deutschlandtickets (D-Ticket) war zweifellos eine tarifliche Revolution und führte zunächst zu einem deutlichen Fahrgastzuwachs. Dennoch zeigen Statistiken, dass der erhoffte, nachhaltige Boom abflacht. Im Vergleich zum Vor-Corona-Jahr 2019 transportiert der ÖPNV insgesamt weiterhin weniger Personen – ein Indikator dafür, dass die strukturellen Probleme des Systems durch den günstigen Preis allein nicht behoben werden konnten.
Die Gründe für diese Stagnation sind oft operativer Natur:
Unzuverlässigkeit und Infrastrukturmängel: Häufige Streiks, Verspätungen und marode Schienennetze führen zu Frustration und Planungsunsicherheit. Für Pendler ist das Auto bei schlechtem ÖPNV-Angebot oft die einzige verlässliche Option, um den Arbeitsplatz pünktlich zu erreichen.
Angebotsmangel und Kürzungen: Trotz steigender Nachfrage, insbesondere in Ballungsräumen, müssen Verkehrsbetriebe aufgrund von Fachkräftemangel und unzureichender Finanzierung vielerorts das Angebot ausdünnen. Fahrplanreduzierungen und Taktverlängerungen (z.B. vom 10- auf den 20-Minuten-Takt) in Städten und insbesondere im ländlichen Raum zwingen Menschen förmlich zurück ins Auto.
Die Preisspirale: Mit der Diskussion um eine Preisanpassung des D-Tickets (von 49 Euro auf geplante 63 Euro) droht der wichtigste Treiber für neue Fahrgäste an Attraktivität zu verlieren. Fahrgastverbände warnen zu Recht, dass dies die Nutzerzahlen erneut drücken könnte.
Das Fundament der Krise: Die Verteilungsfrage
Die Probleme des ÖPNV sind jedoch nur ein Symptom einer tiefer liegenden gesellschaftlichen Schieflage. Mobilität ist in Deutschland zunehmend eine Frage des Einkommens und der Vermögensverteilung.
Die Aussage, dass die Ungleichverteilung (gemessen am hohen Gini-Koeffizienten von über 0,8) die Spielräume der großen Masse an Menschen massiv einschränkt, trifft den Kern. Für die "unteren 95 Prozent" wird das tägliche Leben immer teurer. Die finanziellen Spielräume für Wohnen, Energie und Mobilität schrumpfen. Zwar ist das D-Ticket mit 49 Euro für viele eine Entlastung, doch selbst diese Kosten können bei einem bereits auf Kante genähten Budget eine Hürde darstellen. Hinzu kommt:
Der erzwungene Pkw-Besitz: Insbesondere im ländlichen Raum ist mangels attraktiver ÖPNV-Alternativen das Auto unverzichtbar. Der Unterhalt eines Pkw (Kauf, Versicherung, Steuer, Sprit) stellt für Geringverdiener eine existenzielle Belastung dar, von der sie aber nicht entbunden werden können, da ansonsten die Teilhabe am Arbeitsmarkt oder am gesellschaftlichen Leben wegbricht.
Fehlende Mittel trotz Aufforderung zur Mehrarbeit: Während von der breiten Bevölkerung "mehr Arbeit" gefordert wird, steigen die Reallöhne kaum und öffentliche Gelder fließen oft nicht in eine allgemeine Verbesserung der Lebensqualität (wie besseren ÖPNV), sondern werden durch Steuergeschenke oder Subventionen primär Vermögenden oder systemrelevanten, aber schlecht gemanagten Großkonzernen zur Verfügung gestellt. Dieses Ungleichgewicht untergräbt das Vertrauen in die staatliche Verteilungs- und Gerechtigkeitsfunktion, wie sie im Grundgesetz verankert ist.
Die Verkehrswende als soziale Scheidewand
Die von der Politik propagierte Verkehrswende hat diesen Verteilungskonflikt verschärft. Die Konzentration auf die Förderung von E-Autos (als Symbol der schiefgelaufenen Verkehrswende) mag klimapolitisch motiviert sein, ist aber sozial exklusiv.
Das E-Auto ist primär für die wohlhabenderen Schichten zugänglich – jene "oberen 2 bis 5 Prozent", die ohnehin über die notwendigen Ressourcen verfügen, um die teure Anschaffung und die entsprechende Ladeinfrastruktur zu finanzieren. Für die breite Bevölkerung, die auf bezahlbare und zuverlässige Mobilität angewiesen ist, bietet die E-Auto-Strategie kaum Entlastung.
Eine gerechte und erfolgreiche Verkehrswende müsste den ÖPNV zur attraktiven, dominanten und verlässlichen Alternative machen. Stattdessen werden die Verkehrsbetriebe mit unzureichenden Regionalisierungsmitteln und chronischen Investitionsstaus bei der Infrastruktur im Stich gelassen. Der ÖPNV wird so zu einem Rückzugsort derjenigen, die sich kein Auto leisten können, anstatt zur bevorzugten Wahl derer, die sich das Auto sparen wollen.
Die Krise des öffentlichen Verkehrs in Deutschland ist daher mehr als ein logistisches Problem. Sie ist ein Spiegelbild einer gescheiterten Verteilungspolitik, die das Gemeinwesen und seine Infrastruktur systematisch schwächt und die Kluft zwischen Arm und Reich auch auf der Straße sichtbar macht. Nur eine massive, dauerhafte und sozial gerechte Investition in das öffentliche Netz, verbunden mit der Garantie einer minimalen Grundmobilität für alle Bürgerinnen und Bürger, kann das Vertrauensverhältnis zum Gemeinwesen wiederherstellen und die Verkehrswende zum Erfolg führen.
Nachlesen : https://www.zeit.de/mobilitaet/2025-10/weniger-personen-oeffentlicher-nahverkehr
2025-10-12